5. Etappe Schiffsüberführung

28. Mai 2016 at 22:57

Cagliari – Malta

Die 5. Etappe in Kurzform:

  • Cagliari – Marettimo – Favignana – Levanzo – Marsala – Pantelleria – Gozo – Comino – Malta
  • ca. 430 sm / 2 Wochen
  • 2 Nachtfahrten

In der Kurzfassung hört sich alles sehr unspektakulär an, weil man die meisten Orte bzw. Inseln kaum kennt, die Gesamtstrecke für zwei Wochen nichts besonderes bedeutet und auch die Anzahl der Nachtfahrten keine Herausforderung darstellt. Trotzdem ist diese Etappe im Rahmen der Gesamtüberführung ein besonderes Highlight.

In Cagliari kommen Donna, mein Sohn Max und seine Lebensgefährtin Miriam an Bord. Bevor die Leinen losgeworfen werden, erkunden wir noch die Stadt mit seinen schönen Gassen und netten Restaurants. Bummeln, shoppen, Essen gehen und die Seele baumeln lassen.

Vor ein paar Tagen hatte ich eine Plombe am Backenzahn verloren und suche nun deshalb in Cagliari einen Zahnarzt auf. Die Praxis befindet sich in einem oberen Stockwerk eines sehr imposanten  Gebäudes in der Altstadt und über die extrem steile alte Treppe geht es in eine urige Praxis mit außergewöhnlichem Ambiente. Gerahmte Gemälde an der Wänden und verspielte kleine Kunstwerke und Lampen schmücken die Räume. Die beiden Zahnärzte mit dicken Rauschebärten empfangen mich – etwas überraschend – in gepflegter deutscher Sprache. Sie sind ursprünglich von Deutschland nach Italien gegangen und betreiben seither dort ihre Praxis. Sie wollen sehr viel über meine bisherige Segelroute wissen, wir plaudern nett und unterhaltsam und nebenher wird der Zahn perfekt betäubt, ausgebohrt und neu befüllt für insgesamt nur 60,- EUR Behandlungskosten.

Nach diesen interessanten Erlebnissen und schönen Erkundungen in Cagliari geht es dann los zur „Urlaubsetappe“ meiner Überführung. In den nächsten zwei Wochen sind kürzere Schläge mit einigen Zwischenstopps geplant. Auch der Anteil der Nachtfahrten soll so gering wie möglich sein, weil die Mitsegler keine Erfahrung damit haben und weil nach den letzten 5 Wochen etwas Erholung für mich gut tut.

Das erste Zwischenziel, die Ägadischen Inseln, werden auch gleich zu einem Erlebnis der besonderen Art. Hauptsächlich drei winzige (ziemlich unbekannte) Inseln auf der Strecke von Sardinien nach Sizilien mit italienischen Flair wie einem kitschigen Film. Die  Inselgruppe liegt vor der Westküste Siziliens in der Nähe von Trapani. Sie bestehen hauptsächlich aus den drei größeren Inseln Marettimo, Favignana und Levanzo. Die Ägadischen Inseln haben insgesamt eine Fläche von nur ca. 37 km² und rund 4.300 Einwohner, wobei ca. 80 Prozent der Einwohner auf der Hauptinsel Favignana leben.

In der Antike waren die Ägadischen Inseln Schauplatz der letzten Seeschlacht zwischen den Flotten Karthagos und der Römischen Republik. Das Gemetzel endete damals mit einem Sieg der Römer über die Karthager und beendete den Ersten Punischen Krieg.

Marettimo, unser erster Stopp, liegt etwa 15 sm vor der Küste von Trapani und sticht durch die schroffe gebirgige Landschaft sowie durch die traditionellen Fischerhäuser ins Auge. Die Insel mit seinen markanten Kalksteinklippen, die in das kobaltblaue Meer abfallen, wirkt durch sein Äußeres etwas geheimnisvoll und unberührt. In dem kleinen Dorf von Marettimo essen wir am frühen Abend zusammen mit Einheimischen super frischen Fisch und genießen das besondere Flair in der späten Abendsonne. Die Nacht im kleinen Stadthafen wird etwas ungemütlich. Wir liegen längsseits an dicken schwarzen Gummipuffern, die auf eine schwere rostige Eisenkette gefädelt, normalerweise kleinere Fähren oder Fischerboote von der Kaimauer fernhalten sollen. Irgendwann dreht der Wind und zusätzlich kommt beachtlicher Schwell in das Hafenbecken. Die TAHOWA reibt kräftig an den schwarzen Gummipuffern, weil die eigenen Fender bei dem Auf und Ab nicht an ihrer gewünschten Position bleiben. Das schwarze harte Gummi hinterlässt hässliche Spuren am Rumpf der TAHOWA, aber ich tröste mich damit, dass die Hafenmauer selbst eine schlechtere Alternative gewesen wäre. Bis auf die kleinen Lackschäden am Rumpf und die Verschmutzungen überstehen wir die unruhige Nacht ohne nennenswerten Schaden.

Die größte der Inseln Favignana hat einen kleinen Hafen und wird von der Festung Santa Caterina dominiert. Mit ihren zwei Hauptplätzen und typischen niederen Mittelmeerhäusern ist die Stadt äußerst malerisch. Sie beheimatet auch zwei berühmte Gebäude, die vom Einfluss der Florio-Familie zeugen. Zum einem der Palazzo Florio, in der Nähe des Hafens und das große Gebäude der Florio-Thunfischfischerei. Wir ergattern einen letzten Liegeplatz in der Marina und freuen uns, scheinbar sicher am Schwimmsteg zu liegen.

Die Stadt begeistert uns und wir vertreiben uns die Zeit in den Straßen und netten Gassen, trinken leckere Sundowner in einer urigen kleinen Bar und lassen so das quirlige Leben der italienischen Inselstadt mit seiner Lebendigkeit, den schönen Menschen und mit seinem ganzen Charme an uns wie einem Film vorüberziehen. Ein wunderbarer Ort, den ich sicherlich zu einem anderen Zeitpunkt noch mal besuchen werde.

Wir liegen schon lange in der Koje und die Crew schläft tief und fest, als ich deutlich wahrnehme, wie sich die TAHOWA im Schwell an den Fendern der Nachbarboote reibt und gelegentlich kräftig in die Heckleinen einruckt. Dann plötzlich ein lauter Knall und etwas fliegt gegen den Rumpf. Sekunden später an Deck sehe ich, dass sich eine Heckleine am Schwimmsteg in einem alten Ring durchgescheuert hat und unter der Belastung gerissen ist. Ich springe ans Heck und sofort mit einer neuen Leine bewaffnet auf den Steg, bevor eventuell auch die zweite Heckleine reißt und die TAHOWA nach vorne gezogen wird. Auf dem Schwimmsteg kann ich mich kaum halten, weil die Steganlage selbst auf den Wellen sicherlich auch einen Meter auf und ab tanzt. Irgendwann war der Rhythmus zwischen Schwimmsteg und unserem Boot wohl nicht synchron und der Festmacher hat den 13 Tonnen Schiffsgewicht nicht widerstehen können. In den frühen Morgenstunden wird es wieder ruhiger im Hafenbecken und ich finde wieder etwas Schlaf. Die Crew im Vorschiff hatte den kleinen – aber lauten – Vorfall gar nicht mitbekommen und muss sich beim gemeinsamen Frühstück die entsprechenden Witze und kleinen Sticheleien anhören.

Levanzo ist die kleinste der drei Ägadischen Inseln, sehr hügelig und der größte Teil der Küste besteht aus beeindruckenden Felsklippen mit vereinzelten kleinen Stränden. Alles auf der Inseln ist minimal: 1 Dorf (Cala Dogana), 1 Straße, 2 Geschäfte, 2 Hotels und 2 Restaurants. Dafür aber unendlich viel Ruhe und purer italienischer Lebensstil. Da uns die Zeit etwas davonläuft und das Wetter günstig ist, umrunden wir Levanzo nur, nehmen von Bord aus schöne Eindrücke und Bilder mit und segeln direkt nach Marsala. Eine nette ältere Italienerin auf der Nachbaryacht in Favignana hatte mir empfohlen, anstelle von Palermo lieber Marsala anzulaufen. Der Ort ist vor allem auch wegen des gleichnamigen Likörweins bekannt, der von hier hauptsächlich nach England exportiert wird. In der Regel hat der Wein 15 % bis 20 % Alkohol, ist goldfarben bis bernsteinfarbig und wird in der touristischen Stadt an jeder Ecke angeboten. Der secco (trocken) hat immer noch eine Restsüße bis 40 g/l und der dolce (süß) sogar über 100 g/l. Natürlich probieren wir diesen Dessertwein an verschiedenen Orten der Stadt und beschließen danach einstimmig, dass diese aromatisierende Zutat in die Küche und Backstube gehört, aber eher nicht in ein Weinglas.

Von Marsala brechen wir dann am nächsten Morgen auf, um in einem Schlag (einschließlich Nachtfahrt) bis Pantelleria zu segeln. Alles verläuft nach Plan, bis auf die Kontrolle durch die italienische Küstenwache, die uns – fast schon in Sichtweite von Pantelleria – auf dem Meer stoppt und genauestens überprüft. Woher, Wohin, auf welcher genauen Route, Startzeit in Cagliari und Marsala, ETA in Pantelleria (Estimated time of arrival bzw. voraussichtliche Ankunftszeit), Namen und Geburtsdatum der Crewmitglieder und weitere Fragen sollen scheinbar sicherstellen, dass wir „sauber“ sind. Vermutlich ist es eine Routinekontrolle im Rahmen der Flüchtlingsproblematik und die Beamten machen ihren Job sehr genau und bestimmt, aber dennoch ausgesprochen freundlich. Schließlich sind wir nur ca. 80 sm von der bekannten Insel Lampedusa entfernt, die lange Zeit eine Chiffre für die europäische Flüchtlingskrise war, bevor sich der Fokus auf die Ägäis und die Balkanroute gerichtet hat. Aber die italienische Insel bleibt auch weiterhin Durchgangsort für Zehntausende Flüchtlinge und kriminelle Schlepper machen weiterhin ihr menschenverachtendes Geschäft. Nach einiger Zeit bedanken sich die Beamten für die Kooperation und sind genauso schnell verschwunden wie sie aufgetaucht waren.

Übersehen haben sie auf jeden Fall unseren kleinen gefederten „Flüchtling“ auf der Bugspitze zwischen Ankerkette und Dinghi. Der entkräftete kleine Vogel war auf halber Strecke zwischen Marsala und Pantelleria auf der TAHOWA „notgelandet“ und kauerte seither auf der Bugspitze. In der Nähe von Pantelleria verschwindet er dann wieder, um hoffentlich ausgeruht genug, die letzten Kilometer wieder selbstständig zu seinem Ziel zu fliegen.

Bei der Einfahrt in den Stadthafen von Pantelleria halten wir uns auf Steuerbord und machen in einem hinteren Teil des Hafens fest. Dort liegen schon einige Langfahrtsegler, die sofort einen Platz frei machen und beim Festmachen helfen. Das direkte Umfeld von unserem Liegeplatz sieht eher etwas verkommen aus und auf einigen Booten wird geschliffen, gebohrt und gestrichen. Wir fühlen uns trotzdem wohl und freuen uns über die freundlichen und hilfsbereiten Nachbarn.

Der Name Pantelleria stammt aus dem Arabischen und bedeutet „Tochter der Winde“. Fast immer weht ein Wind, meist entweder der kühle Mistral aus dem Nordwesten oder der heiße Scirocco aus dem Süden. Die kleine Vulkaninsel (14 km lang/8 km breit) liegt ungefähr 32 sm östlich von der tunesischen Küste und hat ca. 7.000 Einwohner.

Ein Sehenswürdigkeit der Insel ist der Specchio di Venere (Spiegel der Venus), ein schwefelhaltiger Binnensee vulkanischen Ursprungs, der vor 16.000 Jahren entstanden ist. Er ist die einzige größere natürliche Süßwasseransammlung auf der Insel. Der See wird durch heiße Quellen gespeist und verliert sein Wasser ausschließlich durch Verdunstung. Ausgefallene Libellen-Arten und Wasserkäfer leben am See, aber Fische gibt es keine.

Pantelleria – „Schwarze Perle des Mittelmeers“ wird die Insel auch genannt, denn das Landschaftsbild lässt überall den vulkanischen Ursprung erkennen, auch bei den typischen sog. Dammus-Häusern aus Lavagestein erbaut, da Holz zum Hausbau auf der Insel fehlte. Diese typischen eingeschossigen Bauten – meist anthrazitfarbig mit weißgetünchten Dächern, sind verstreut auf der Insel, in teilweise traumhafter Lage und in kubischer Form erbaut, der sog. „arabischen Architektur“. Etwas überraschend ist, dass die meisten Einwohner sich als Landwirte betätigen und nicht etwa als Fischer. Wilde Kapern wachsen überall auf der Insel und terrassenförmig angelegte, üppige Weinberge werden beackert.

Weniger spektakulär ist der Hauptort Pantelleria. Hier wurde im Zweiten Weltkrieg fast jedes Gebäude dem Erdboden gleichgemacht. Italiens Diktator Mussolini hatte die strategisch günstige Position ausgenutzt und Pantelleria zur Festung ausbauen lassen, bis 1943 die Alliierten kamen und die Insel bombardierten.

Bei unser Inselrundfahrt mit dem Mietwagen bestaunen wir u. a. auch den „Arco dell’elefante“ (Elefanten-Bogen) am Meer, eine Felsformation, die wie der Kopf eines Dickhäuters samt Rüssel aussieht. Leider vergeblich halten wir Ausschau nach dem Stardesigner Giorgio Armani, der angeblich allein sechs „Dammusi“ auf der Pantelleria besitzt.

So müssen wir am Abend unser Bruschetta mit Kaperncreme, der sog. „Passito di Pantelleria“ und das kalte Bier in der Abendsonne am Hafen ohne Armani genießen und er hat leider diese schöne ruhige Stimmung (und natürlich unsere Gesellschaft) verpasst. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Von Pantelleria brechen wir am nächsten Morgen sehr früh auf in Richtung Malta. Wir wollen die ca. 120 sm bis Gozo ohne eine weitere Nachtfahrt schaffen. Das Wetter ist günstig und so erreichen wir unsere Ankerbucht am frühen Abend. Die fast kreisrunde „Dwejra Bay“ liegt im Westen der Insel Gozo hinter dem sog. „Fungus Rock“. Dieser beeindruckende Felsen ragt gegenüber der Bucht in die Höhe. Der Name „Fungus Rock“ stammt von einem Pilz, der nur dort wächst und dem eine antiseptische Wirkung nachgesagt wird. Daneben liegt die Felsenbrücke „Azure Window“, eine sehenswerte Attraktion der Insel. Bis auf den gelegentlichen Schwell (bei NW-Wind), ist die Bucht gut geschützt und nach einem späten Erfrischungsbad im kristallklaren Wasser und leckerem Abendessen, freuen wir uns auf einen entspannten Schlaf in der Koje.

Bevor wir am nächsten Morgen Valletta anlaufen, machen wir noch einen kurzen Badestopp auf Comino, (malt.: Kemmuna /deutsch: Kümmel), die kleinste bewohnte Insel des maltesischen Archipels und ankern in der sog. „Blauen Lagune“. Jährlich besuchen angeblich 20.000 Touristen diese Bucht und da dürfen wir nicht fehlen. Die Bucht war schon mehrfach Schauplatz von Kinofilmen, zum Beispiel wurden dort Madonnas Tauchszenen in „Stürmische Liebe – Swept Away“ gedreht sowie Szenen aus „Helena von Troja“. Heute steht „TAHOWA – Teil 1“ auf dem Drehprogramm. Nach kurzer Badepause beschließen wir allerdings dieses äußerst touristische Programm abzuschalten und nach Valletta zu „zappen“.

Valletta ist die Hauptstadt der Republik Malta und gleichzeitig die kleinste Hauptstadt eines EU-Staates. Schon bei der Ansteuerung erkennt man, dass Valletta historisch eine der besten gesicherten Städte der Welt war, denn sie wird von einem Ring aus Bastionen umgeben. Wir Motoren unter imposanten Festungsmauern zu unserem Liegeplatz in einer der Marinas der Stadt.

Die Stadt bietet zahlreiche , altertümliche Straßen, historische Cafés, Restaurants, Banken, Hotels sowie Regierungsgebäude und die öffentlichen prachtvollen Gärten gewähren immer wieder einen fantastischen Blick über den Grand Harbour. Wir können uns kaum satt sehen und laufen einen ganzen Tag lang kreuz und quer durch die Stadt. Welches Erlebnis muss es sein, wenn man Im Juli vor dieser einmaligen Open-Air-Kulisse das jährliche Jazzfestival in Valletta erlebt. Ich glaube der Monat für eine eventuelle nächste Segelreise nach Valletta steht jetzt schon fest.

Am Abend belohnen wir uns für den laufintensiven Tag mit dem maltesischen Nationalgericht „Fenek“ (Kaninchen) in Knoblauch-/Rotweinsoße serviert in einem kleinen Restaurant direkt an der Straße. Da außer uns nur Einheimische dort sitzen, erwarten wir neben der urigen Atmosphäre eine traditionelle Küche und ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis. Wir werden nicht enttäuscht!

Nach der Abreise von Donna, Max und Miriam warte ich nun auf Reinhard, der mich auf der letzten Etappe nach Griechenland begleiten will. Jede Etappe während der Überführung brachte bisher, bedingt durch das jeweilige Seegebiet, den Wetterbedingungen und die wechselnden Crewmitglieder, eine eigene Atmosphäre an Bord. Aber gerade die letzten zwei Wochen sind sicherlich eine besonders kostbare Zeit gewesen. Bei meiner lieben „Familiencrew“, bedanke ich mich für diese schöne gemeinsame Zeit an Bord, für die Gespräche, für die Mithilfe beim Segeln + Kochen und für die Toleranz, wenn der „Stein im Schuh“ vielleicht mal gedrückt hat. *smile* Diese Etappe war etwas ganz besonders Kostbares, dass ich sehr gerne mit euch geteilt habe. Danke dafür!

 

Hinweis: Dieser Blogbeitrag befindet sich noch in der Bearbeitung!

 

4. Etappe Schiffsüberführung

14. Mai 2016 at 22:57

Villamoura – Cagliari (Blogbeitrag in Bearbeitung)

In Villamoura kommt am Freitag Abend Chris an Bord. Chris ist ein junger Mann, arbeitet zeitweise im maritimen Bereich (Großschifffahrt) und kennt sich auch mit dem Segeln aus. Auf regelmäßigen Segeltouren mit seiner Familie auf dem Langkieler seines Vaters sind ihm schon früh Segelbeine gewachsen. Aufgrund des großen Altersunterschieds müssen wir uns etwas ¨beschnuppern¨, können uns aber schnell gegenseitig akzeptieren und die seglerische Zusammenarbeit an Bord klappt super. Chris beherrscht die Eigenarten des behäbigen Twinkielers auf Anhieb und ist von der ersten Stunde an ein sehr zuverlässiger Rudergänger. Das ist vor allem beim Segel setzen, reffen und bergen enorm wichtig. Gerade aufgrund des Trecker-Vorsegels mit dem Fockbaum auf dem Vordeck ist es wichtig, dass der Rudergänger die richtigen Manöver fährt und Handgriffe z. B. für die zusätzlichen Bullenstander am Treckerbaum zügig und korrekt ablaufen.

Am Samstag starten wir von Villamoura aus für die Passage durch die Straße von Gibraltar. Die Seestrecke bis zur eigentlichen Durchfahrt bringen wir schnell hinter uns. Die berüchtigte schmale Engstelle zwischen Atlantik und Mittelmeer wird manchmal als „Tor zur Hölle“ bezeichnet. Für uns soll es aber das „Tor zum Paradies“ sein, denn wir erhoffen uns danach bequemes Segeln im warmen Mittelmeer mit Wind von achtern in Richtung Osten. Aber entgegen unserem optimistischen Wunsch beginnt dann ein „teuflischer“ Abschnitt, der viel Geduld und Durchhaltevermögen von uns erfordert. Die Strömung in der Straße ist enorm und natürlich kommt mal wieder alles auf die Nase. So kämpfen wir uns Meile für Meile gegenan. Das Aufkreuzen ist dadurch erschwert, da auf der nördlichen Seite des Verkehrstrennungsgebiets wenig freier Seeraum ist. Die kurzen Schläge und die zusätzlichen Ausweichmanöver bei anderen ebenfalls außerhalb des Fahrwassers fahrenden Schiffen erschweren unser Vorankommen zusätzlich.

Auch nach der Durchfahrt beginnt nicht das erhoffte Paradies, sondern es setzt immer noch eine beachtliche Strömung und der schon lange anhaltende Ostwind hat eine kräftige Dünung aufgebaut. Auf bessere Verhältnisse hoffend machen wir – entgegen der urspünglich geplanten Route – einen längeren Schlag in Richtung der Küste von Marokko. Zum Glück war diese Entscheidung gold richtig. Außerhalb des Hauptverkehrsstroms der großen Pötte sind die Nachtwachen unter Windfahnensteuerung angenehm stressfrei und wir machen einige Meilen in Richtung Osten gut. Die Auswertung von sog. Grip-File Windprognosen für die nächsten Tage ergibt, dass es auch windtechnisch durchaus Sinn macht, unser Ziel Sardinien auf einem südlichen Kurs anzusteuern. Nach zwei Tagen bewahrheitet sich die Entscheidung als richtig. Stundenlanges traumhaftes Segeln mit achterlichen Winden, Windfahnensteuerung und Sonne im Cockpit sind der Lohn für den Umweg. Da kommt bei einer Dose Bier und Musik aus der Soundbox so richtig schönes Langfahrtfeeling auf. So macht Segeln Spaß. Noch sind es ca. 300 sm bis Cagliari.

Nach einem kurzen, aber sehr erholsamen Zwischenstopp in dem kleinen Hafen Motril an der Südküste von Spanien, laufen wir aus mit Kurs Südsardinien. Aber dieses letzte Seestück bis Cagliari hat es dann wieder in sich. Der heftige Wind kommt ungünstig von vorn und die Dünung und die Windwellen überlagern sich und werden von Stunde zu Stunde höher. Zum Schluss erreichen sie Wellenhöhen von teilweise bis zu 5 Metern. Als wir schon dem Ziel Cagliari sehr nah sind und eigentlich „gefühlt“ schon fast angekommen sind, erwischt uns in der letzten Nacht noch ein heftiges Gewitter mit Sturmböen bis zu 55 kn. Unter gerefften Segeln müssen wir vor dem Sturm ablaufen und verlieren kostbare Seemeilen. Die ganze Nacht über tobt der stürmische Wind und immer wieder bauen sich die heftigen Böen auf. Wir suchen Schutz im Windschatten der beiden westlich von Sardinien gelegenen Inseln San Pietro und Sant´ Antioco. Erst in den frühen Morgenstunden trauen wir uns, wieder einen südlichen Kurs einzuschlagen, um die Südspitze von Sardinien zu umrunden.

Der Wind spielt mit uns scheinbar einen üblen Streich, denn auch auf der Südseite von Sardinien dreht der Wind ebenfalls und weht uns beständig auf die Nase. Es bleibt also mühsam, gegenan zu gehen und unser Zielhafen rückt nur langsam näher. Zu allem Überfluss versagt dann die Wasserpumpe des Dieselmotors ihren Dienst und ich muss bei dem Geschaukel im begehbaren Motorraum den Impeller wechseln.

Einige Stunden später erreichen wir dann endlich den ersehnten Hafen von Cagliari und machen im südlichen Teil der großen Bucht in der Marina di Sant´ Elmo fest. Gleich neben uns liegt eine weitere deutsche Yacht von Bob und Evelyn am Steg. In den nächsten Tagen verbringen wir mit den beiden Schweizern einige feucht-fröhliche Stunden an Bord mit netten Gesprächen und mit Livemusik von Lena und ihrem Lebensgefährten. Die beiden jungen Vollblutmusiker kommen aus Freiburg (meiner alten Heimat) und so fühle ich mich natürlich besonders wohl.

Leider ist an der TAHOWA bei dem hohen Wellengang am Ruderquadranten ein Edelstahlbolzen abgerissen, so dass der Autopilot nicht mehr arbeitet. Ein neues Teil muss angefertigt werden. Das kostet Zeit und einen Geldbetrag von insgesamt ca. 220,- EUR. Das ärgerliche daran ist, dass die Marina mehr Geld für den Vermittlungsservice kassiert als das Ersatzteil selbst kostet. Aber wenigstens funktioniert der Autopilot wieder, nachdem ich den neuen Gewindebolzen montiert habe.

Am Samstag verabschiedet sich Chris, um zurück nach Berlin zu fliegen. Gerade weil die letzten 14 Tage seglerisch sehr anspruchsvoll und anstrengend waren, bin ich froh und dankbar einen so guten Mitsegler an meiner Seite gehabt zu haben.

Ich danke Chris für seine zuverlässige Mithilfe an Deck und seine Ausdauer und das Durchhaltevermögen bei den teilweise zermürbenden Gegenanpassagen.