Norwegen – Lofoten

11. August 2000 at 15:11

Mit der „Mary Lou“ in Norwegen

Bei einem Segeltörn in Norwegen/Lofoten im August 2000 (3-Wochen-Törn) mit Segelfreunden schrieb ich ein ganz per­sönliches Reisetagebuch. Einige Auszüge daraus erzählen von den Erlebnissen und Gedan­ken bei diesem beeindruckenden Lofoten-Törn. Zusammen mit meinem Segelfreund Olaf und zwei Paaren (Namen der Crewmitglieder geändert) ging die Reise von Harstad durch die Lofoten, Trollfjord, in den Holandsfjord mit dem riesigen Svartisen-Gletscher, zur Stadt Alesund, an der Vogelinsel Runde vorbei in Richtung Zielhafen Bergen.

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Ankunft in Harstad

Freitag, 11. August (vereinzelt Sonne, Wolken, Regen)

Es war eine aufwendige Anreise gewesen von Freiburg mit dem Auto bis Billund und dann mit dem Flugzeug über Oslo nach Evenes. Dann mit dem Bus nach Harstad (68°48’N, 16°33’E). Dann endlich Ankunft auf der „Mary Lou“, einer Reinke Hydra aus Stahl, die einer Segelgemeinschaft gehört. Nach der Schiffsübernahme von der Vorcrew wird am nächsten Tag alles verstaut, aufgeklart und das Schiff inspiziert. Am frühen Abend laufen wir unter Motor aus zum Angeln mit großem und schnellem Erfolg: 3 Dorsche und 1 Seelachs, der größte ca. 4-5 kg. Daraus wird schnell ein vorzügliches Abendessen mit gebratenen Fisch, Reis und Tee, als Vorspeise roher Fisch mit Sesamöl, Zitrone und Ingwer. Nach dieser vorzüglichen Vorspeise haben Klaus und Birgit, die zwei jungen Mitsegler aus Freiburg, gleich die Sympathie der gesamten Restcrew gewonnen und die Urlaubsstimmung und die Vorfreude auf die fischreichen Gewässer Norwegens herbeigezaubert. (…)

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Norwegisches Abendessen

Sonntag, 13. August (Sonne, teilweise bewölkt)

Aufstehen um 08:30 Uhr, Katzenwäsche, zu spätes Frühstück, fast die ganze Crew schläft noch. Letzte Arbeiten am Schiff. Da die Seekarten an Bord nicht ganz vollständig sind, kopiert Olaf, unser Skipper, einige Seekarten für Andenes von einem Fischer, der neben uns im Hafen liegt. Auslaufen deshalb erst um 15:00 Uhr. Von Harstad geht es südlich vorbei an Grytöy und dann an der Ostseite von Andöy in Richtung Andenes (69°19,5’N, 16°08’E). Fünf Stunden herrliches Aufkreuzen bei 2‑3 Beaufort. Leider nicht nur gegen den Wind, sondern auch gegen den Strom, sodass wir um 24:00 Uhr die Segel bergen und die „eiserne Fock“ setzen. Eine Stunde später eine interessante Ansteuerung von Andenes mit vielen Leuchtfeuern und unter Richtfeuerpeilung 273° geht es dann in den Hafen. Hinderlich ist die schwarzweiße Detailkarte, die wir vom Fischer kopiert haben. Um 02:00 Uhr liegen wir zwischen Fischerbooten vor einer kleinen Fischfabrik, was man auch am Geruch eindeutig feststellen kann. Von Andenes aus wollen wir am nächsten Tag aufbrechen, um Wale zu suchen. Bei einem warmen wirkungsvollen Schlummertrunk am Vorabend taufen wir in optimistischer Erwartung unseren stählernen, grün lackierten „Panzerkreuzer Mary Lou“ um in „Walfangboot Mary Lou“. Ich bin gespannt, ob wir beim Wal-Watching Glück haben werden.

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„Verkehrstrennung“

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Fototermin für die Brückdurchfahrt

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Überfahrt nach Andenes

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Abendstimmung

Montag, 14. August (Schichtbewölkung, feucht, später Sonne + WIND)

Nach dem Frühstück und letzten Einkäufen in einigen netten kleinen Geschäften von Andenes geht es bei sonnigem Wetter los in Richtung Wal-Watching. Flottes Segeln hoch am Wind bei 4-5 Beaufort. Die See ist sehr kabbelig, die Wellen kommen kurz und steil von der Seite. Einige von der Crew werden nacheinander seekrank. Zuerst blasses Gesicht, dann Gähnen und Frieren und dann der Rest: „Fische füttern“ ist angesagt. Wir segeln noch eine halbe Stunde weiter, fallen etwas ab, damit die Wellen etwas achterlicher anrollen, aber der Crew geht es immer schlechter. Dennoch wollen alle weiter, um die Wale zu sehen. Alle haben sich so darauf gefreut. Nach kurzer Besprechung entscheidet der Skipper: „Wir drehen um!“ Jetzt kommen die Wellen schräg von hinten, was sofort angenehmer ist. Die Mary Lou rennt mit 8 Knoten durch die Windwellen und es macht Spaß, mit ihr auf den Wellen zu reiten. In schneller Fahrt erreichen wir erneut den Hafen von Andenes.

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Andenes

Donnerstag, 17. August (bewölkt, vereinzelt Sonne, später Nieselregen, wenig Wind)

Um 07:00 Uhr steht Olaf im Salon und schmeißt die Crew mit lauter Musik von Udo Lindenberg in der Bordanlage aus den Kojen. Nach einem kurzen Wettercheck und den Navtex-Meldungen dann das Kommando: „Anker auf Raftsund!“

Am Tag zuvor waren wir im Trollfjord gewesen. Die Hinfahrt durch den Raftsund und die Einfahrt in den Trollfjord waren wirklich atemberaubend gewesen. Das schmale Fahrwasser, an den Ufern immer wieder grüne Wiesen mit Fischerhütten. Dahinter die steilen, bizarren Felswände. An manchen Stellen war es so eng, dass man das Gefühl hatte, die Felswände beim vorbeisegeln berühren zu können. Dann die Einfahrt in den Trollfjord: Gigantische senkrechte Felswände und verträumte bunte Fischerhütten. Alles war in ein bezauberndes Abendlicht gehüllt gewesen. Die Stimmen und das Klopfen des Schiffsdiesels bekamen durch das Echo einen unwirklichen Klang. Man hielt sich den Atem an und staunte. An den senkrechten Felswänden verewigte Schiffsnamen anderer Bootsmannschaften. Da im Trollfjord ein großer Stromgenerator lief, hatten wir anschließend im Raftsund geankert. Zum Abendessen gab es gebratenen Seelachs und Pollack. Dieser Fisch schmeckt sehr fein! Er hat auffallend wenig Fischgeschmack und relativ festes Fleisch.

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Fahrt zum Trollfjord

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Ansteuerung Raftsund

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Fischerhütten und grüne Wiesen im Fjord

Aber nun sind wir auf dem Weg nach Kabelvaag, aber nicht ohne zuvor den im Buch „100-Häfen in Norwegen“ empfohlenen kleinen Hafen Storvagon anzusteuern. Dort gibt es nämlich eine Sauna! Aber vor dem Vergnügen ist erst einmal Kultur angesagt: Fischaquarium, Kunstgalerie Espolin und dann das Lofotenmuseum. Die Bilder von Espolin sind uns zu düster. Schwarzweiß gemalte Gestalten mit verquollenen Gesichtern. Dargestellt ist das schwere, erdrückende Leben der norwegischen Fischer und ihrer Familien. Da ist das Museum interessanter: Ein ehemaliges Fischerdorf ausgebaut zu einem kleinen Museum mit Booten, Gegenständen, Bildern und anderen Objekten aus Kultur- und Naturgeschichte. Storvagon hat in der nordnorwegischen Küstenkultur lange Zeit eine zentrale Rolle gespielt. Es finden sich Spuren bis zurück in die Steinzeit. Die Oberhäupter der weltlichen und der geistigen Macht haben hier im Mittelalter versucht, die Kontrolle über den zunehmenden Stockfischexport zu bekommen. Im 14. Jahrhundert machte dieser 80 % des gesamten norwegischen Exports aus. Nach soviel historischen Informationen und Kultur sind wir reif für eine porentiefe Reinigung. Ab in die Sauna! Ein herrliches Gefühl nach der tagelangen „Katzenwäsche“. Wer in die Nähe von Kabelvaag kommt, sollte sich unbedingt die schöne Holzkirche, Kathedrale der Lofoten genannt, anschauen. Sie ist die größte Holzkirche Nord-Norwegens, verrät uns eine kleine Holztafel vor der Kirche.

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Liegeplatz in Kabelvaag

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„Kathedrale der Lofoten“

Freitag, 18. August (Schichtbewölkung, vereinzelt Sonne, später zunehmende Bewölkung)

Morgens wieder mal ein musikalischer „Rausschmiss“ aus der Koje. Diesmal dröhnt fetziger Rock von der Gruppe Cream aus den Bordlautsprechern. Nach dem Frühstück und der Backschaft werden wir auf einer Wanderung durch Kabelvaag mit reichlich schönen Eindrücken und Beispielen typisch norwegischer Architektur belohnt.

Um 15:00 Uhr stechen wir wieder in See, aber nicht ohne uns von unseren netten Stegnachbarn zu verabschieden. Das ältere Paar lebt seit neun Jahren auf dem eigenen Schiff und die beiden verbringen so ihren Lebensabend. Sie haben uns gestern viel von ihren Freunden erzählt, die ebenso noch im hohen Alter auf große Seereisen gehen. Unsere Nachbarn haben auf diese Art des Reisens Norwegen lieben gelernt. Sie haben bereits fünf Winter auf ihrer Ketsch (finnischer Stahlbau) an diesem abgelegenen Ort verbracht. Der Schnee hat dann teilweise haushoch gelegen und sie mussten sich mit einer Schneefräse einen Weg vom Schiff zu den sanitären Einrichtungen schaffen. Jetzt fühlen sie sich zu alt und wollen sich deshalb in Kabelvaag eine Hütte kaufen. Ihr Schiff ist bereits verkauft und dies ist ihre letzte Reise mit ihrer geliebten Ketsch. Wehmut ist deutlich zu spüren. Ist das für die beiden nun Abschied oder Neuanfang?

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Ketsch (finnischer Stahlbau)

Samstag, 19. August (starke Bewölkung)

Nach dem Frühstück im Hafen von Reine übernimmt jeder von der Crew eine Aufgabe. Ich kümmere mich um Wartungsarbeiten im Maschinenraum und Olaf geht Motorenöl kaufen. Klaus verstaut das Dinghi wieder unter Deck, die anderen gehen Lebensmittel einkaufen. Olaf und ich beeilen uns, denn wir wollen noch eine kurze Wanderung machen. Oberhalb des Ortes gibt es einen kleinen Trinkwassersee. Von dort hat man eine sehr gute Aussicht. Nach 1½ Stunden sind wir zurück am Schiff, das sich inzwischen wieder aufgerichtet hat. Die Mary Lou hatte sich nämlich am frühen Morgen bei Niedrigwasser auf die „Backe“ gelegt. So war sie zur Attraktion für einige Touristen und für den Sohn des Tankstellenbesitzers geworden. Die schräge Mary sah beeindruckend aus. Die Crew hatte es gelassen genommen, denn schon bald würde das Wasser wiederkommen. Um 12:30 Uhr verholen nun Olaf und ich zur Tankstelle, um 185 Liter Diesel zu bunkern und Wasser aufzufüllen. Um 13:30 Uhr laufen wir aus zur Überfahrt zum Festland in Richtung Svartisen-Gletscher. Wir haben die Crew in drei Wachen eingeteilt. Olaf + Birgit, Klaus + Ute und in der dritten 3-Stunden Wache geht Hans mit mir an das Ruder. Auch haben wir weitere Sicherheitsregeln festgelegt. So werden von 19:00 bis 07:00 Uhr Schwimmwesten getragen und der Steuermann muss eingepiekt bleiben. Bei der regelmäßigen Seekrankheit eine eigentlich selbstverständliche Maßnahme, die aber trotzdem nicht nur auf Zustimmung in der Crew findet. Aber der Skipper setzt sich mit dieser Anweisung durch, denn ein über Bord gefallendes Crewmitglied wäre bei Nacht, wenn die anderen schlafen, unweigerlich verloren.

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Norwegische Idylle

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Hafen von Reine

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Mary Lou bei Ebbe

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Wanderung zum Trinkwassersee

Sonntag, 20. August (wechselnde Bewölkung)

Ein Morgen auf See, leider ohne richtigen Sonnenaufgang, denn die Wolken sind zu dicht. Die letzten Meilen müssen wir unter Motor fahren, denn der Wind ist eingeschlafen. Um 09:45 Uhr sind wir am Eingang zum Holandfjord. Am Anlegesteg von Engaören machen wir das Schiff fest. Schon vom Liegeplatz aus hat man einen tollen Blick auf den Svartisen (schwarzes Eis). Und dann kommt wie bestellt die Sonne raus. Die Landschaft ist ausgesprochen schön. Steile Bergwände, wo sich das Grün und der graue Fels abwechseln, Wasserfälle und Birkenwäldchen. Und natürlich der gewaltige Svartisen, der seine Zunge bis fast an das Fjordwasser schiebt. Klaus erzählt uns von seinen Studienarbeiten und Reisen als Geologe. Er war vor Jahren bereits hier gewesen und kann uns sehr viel über die Entstehung von Gesteinsformationen usw. erklären. Er zeigt uns die Stelle, wo der der Gletscher noch vor vier Jahren endete. Inzwischen ist er bereits viel weiter ins Tal gekommen. Klaus ist als fachmännischer Geologe in seinem Element. Ich sammele mit laienhaftem Blick grünes Aktinulit und einige Steine mit interessanten Granateinschlüssen. Unterhalb der Eiszunge kann ich tolle Fotos im Gegenlicht machen. Eine gigantische Wanderung, mit Eindrücken, die man normalerweise wohl kaum auf einer Segeltour erlebt. Am Abend mache ich mich an Bord an das Kartenstudium für die Route der nächsten Tage. Wir wollen unser größtes Nonstop-Wegstück angehen. Vom Svartisen planen wir nonstop bis Alesund durchzusegeln. Wir müssen endlich mal „Strecke“ machen, sonst erreichen wir Bergen nicht zum verabredeten Zeitpunkt. Dort wird zum vereinbarten Zeitpunkt die Anschlusscrew auf uns warten, um das Vereinsschiff Mary Lou zu übernehmen. Auch haben wir z. Zt. ideale Bedingungen, d. h. es gibt keine Sturmwarnungen und wir können mit Wind aus nördlichen Richtungen rechnen.

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Anlegesteg von Engaören

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Svartisen-Gletscher

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Traumhafter Blick vom Liegeplatz

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Seltene Fotos von einem Segeltörn

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Svartisen (schwarzes Eis)

Montag, 21. August (schönstes Sommerwetter, blauer Himmel, Sonne satt)

Die erste Wache beginnt für Hans und mich, als das Handy um 03:45 Uhr piepst. Anziehen, Kaffee kochen und eine spärliche Körperpflege. Eine halbe Stunde später ist die Mary Lou klar zum Ablegen. Sanft schiebt sich der Schiffsrumpf durch das spiegelglatte Fjordwasser des Hollandsfjords. Die Blicke gehen zurück auf den Svartisen-Gletscher. Der Himmel über uns bereits leuchtend blau, in manchen Tälern liegen noch Fetzen von Nebelschwaden wie Federbetten, darüber einige Bergspitzen, die bereits von der Sonne angestrahlt werden. Ein märchenhafter Anblick! Ich fotografiere voll von Begeisterung, um diese Stimmung festzuhalten und die Fotos werden sicherlich später helfen, meine Erinnerung anzuregen. Für einen fremden Betrachter sind es allerdings nur Bilder ohne die Stille, ohne Geruch, ohne Schiffsbewegung und ohne die sehnsüchtige Stimmung des Fotografen. Von Minute zu Minute steigt langsam die Sonne und taucht die Landschaft in ihr helles Licht. Ich bin so froh um diese erste Wache!

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Morgenstimmung im Hollandfjord

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Segeln vor traumhafter Kulisse

Unter Motor machen wir gute Fahrt und schon bald kann ich die ersten zwei Waypoints in der programmierten GPS-Route „abhaken“. Nach drei Stunden kommt die zweite Wache dran, aber wir haben noch lange nicht das Ende der Schären erreicht. Weiter geht die Irrfahrt durch die endlos scheinende Zahl von kleinen Inseln, vorbei an den Einmündungen in andere Fjorde. Da könnte man sich schnell mal verfahren, aber die genauen Seekarten und die programmierten Waypoints geben uns die notwendige Sicherheit. Als ich nach sechs Stunden zu meiner zweiten Wache geweckt werde, befindet sich die Mary Lou bereits auf offener See und zieht bei schönstem Segelwetter ihre Bahn durch das Wasser. Im Heckwasser verwischt sich ihre Spur und es bleibt nur eine kurze Erinnerung an die Gegenwart zurück. Stundenlang kann man dem Spiel der Wellen zuschauen, jede hat ihr eigenes Gesicht, ihre eigene Bewegung. Und dann das Schaukeln des Schiffs, dieser Rhythmus in der Bewegung, gegen den sich das menschliche Empfinden so „gerne“ sträubt. Warum kann man es manchmal so schlecht annehmen? Warum wollen wir lieber „festen“ Boden unter den Füßen haben, wo doch eigentlich unser ganzes Universum und auch der eigene Körper in einer ständigen Bewegung ist. Warum braucht der Mensch zum Wohlsein normalerweise diese Fixpunkte? Woher kommt diese Angst in der Bewegung, die sich häufig so unbemerkt einschleicht und die m. E. die Hauptursache für die Seekrankheit ist? Sind einem nämlich erst die berühmten „Seebeine“ gewachsen, kann man die ständigen Schiffsbewegungen plötzlich gut annehmen, empfindet man sie als sanftes Wiegen, als etwas Zartes und verspürt in der Bewegung keinerlei Gefühl der Bedrohung mehr.

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Vor dem Wind (Schmetterling

Mittwoch, 23. August (teilweise bewölkt, Regenschauer)

Nachdem schon am späten Abend der Wind aufgefrischt hatte, wird nun in der Nacht auf dem Navtex Starkwind angekündigt. Kurz nach 01:00 Uhr sind bereits zwei Crewmitglieder wegen Seekrankheit ausgefallen und an ihre Koje „gefesselt“. Der Wind und die Wellen nehmen weiter zu. Alle Anzeichen stehen auf Sturm! Aber wir brauchen die Segel noch nicht zu reffen, denn die Mary Lou schiebt noch relativ wenig Lage und die Wetterentwicklung erscheint uns nicht bedrohlich. Des Weiteren sind wir ja weit draußen auf See, wo man viel Platz hätte, um vor dem Sturm abzulaufen. Aber in unserem Lagegespräch zwischen Olaf und mir sind wir uns bald einig, dass wir Rücksicht auf die Crew nehmen müssen. Auch haben wir beide keine Lust den Schlag bis Alesund alleine am Steuer zu verbringen. Würde der Wind im Sturm weiter drehen, hätten wir ihn dann voll gegen an. Also suchen wir in der Karte nach einem Nothafen. Die Wahl fällt auf Veidholmen, eine kleine vorgelagerte Insel, die einen windgeschützten Hafen verspricht. Wir ändern unseren Kurs und steuern direkt auf Veidholmen zu. Es kachelt nicht schlecht und es regnet mit zunehmender Stärke. Die Regentropfen prasseln schon bald wie Hagelkörner ins Gesicht. Olaf legt sich noch mal schlafen, bleibt aber angezogen, um jederzeit zur Stelle sein zu können. Ich stehe eingepiekt am Ruder, die Kapuze tief im Gesicht. Jetzt ist auch noch die Dreifarbenlaterne im Topp ausgefallen, sodass ich die Windex-Anzeige nicht mehr sehen kann. Von Zeit zu Zeit leuchte ich mit der Taschenlampe zur Mastspitze, um die Windrichtung zu kontrollieren. Die Wellen donnern gegen den Rumpf, überall sieht man jetzt Schaumkronen. Ich schätze die Windstärke auf ca. 6 Beaufort, in den Böen mögen es vielleicht 7 Beaufort sein. Noch haben wir die Sturmstärke nicht erreicht, aber an der Logge erreicht die Anzeige bereits über 9-10 Knoten. Die Mary Lou ist in ihrem Element und der Steuermann auch. Es ist eine Freude sie selbst bei diesen Verhältnissen zu segeln. Sie liegt ganz ruhig auf dem Ruder und selbst in den Böen luvt sich nicht an. Ich wecke Olaf, um mit ihm jetzt trotzdem ein Reff einzubinden und die Rollgenua wegzunehmen. Noch laufen wir ja unter Vollzeug. Olaf prüft zuvor unsere genaue Position in der Seekarte. Trotz des Reffs geht es mit hoher Geschwindigkeit weiter. Immer wieder kommen 3-4 Meter hohe Wellen angerollt und die Gischt fegt über das Deck. Ich suche dann Schutz hinter der Sprayhood, um keine Dusche abzubekommen. Bei soviel Wind und Welle hatte ich die Mary Lou noch nie gesegelt. Mein guter Eindruck von ihrer Seetüchtigkeit wird in diesen Stunden auf See bekräftigt. Nach 24 sm haben wir die Ansteuerung erreicht und wir setzten unsere Fahrt unter Motor fort, nachdem wir das Großsegel und das Kutterstagsegel geborgen haben. Die Ansteuerung wird ziemlich spannend, denn es gibt überall Untiefen mit Spieren, die größtenteils nicht beleuchtet sind. Bei dieser Gischt sind sie deshalb nur sehr schwer auszumachen. Nach einer „Ehrenrunde“ haben wir dann alle Leuchtfeuer, Tonnen und Spieren entdeckt und somit die Gewissheit über unsere genaue Position. Um 07:00 Uhr laufen wir in den kleinen Fischerhafen von Veidholmen ein. Er ist nicht gerade einladend, bietet aber hinter seiner hohen Mole für uns einen sicheren Ort gegen den nahen Sturm.

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Segeln hart am Wind

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Ansteuerung von Veidholmen

Freitag, 25. August (sonnig, blauer Himmel)

Die Ansteuerung von Alesund übernehme ich zusammen mit Olaf. Wir waren am Vortag nach dem Sturm von Veidholmen aus hierher „geschaukelt“. Draußen auf See hatte noch eine große Dünung gestanden, das Nachspiel vom stürmischen Mittwoch. Riesige Wellenberge von bis zu 3-4 Metern, die aber so in die Länge gezogen waren, dass sie nie brachen, aber trotzdem für eine rasante „Achterbahnfahrt“ durch die Nacht sorgten. Nun ist es früher Morgen, die Sonne ist noch nicht aufgegangen, alle Leuchtfeuer brennen noch und es beginnt eine interessante Orientierungsfahrt: Leuchtfeuer auszählen, Karten studieren und Sektoren ausspähen. Skipper zum Steuermann: „Wenn achtern der grüne Sektor in weiß übergeht, müsstest Du auf Backbord einen roten Sektor mit 6 Sekunden haben. Direkt voraus hast Du dann einen grünen Sektor mit 10 Sekunden Wiederkehr. Auf den hältst Du zu!“

In diesem Stil läuft die Kommunikation zwischen Skipper und Steuermann für die nächsten zwei Stunden. Eine klassische Ansteuerung wie im Lehrbuch nach einem uralten ausgeklügelten System der Orientierung auf See, welches aber auch im GPS-Zeitalter immer noch hervorragend funktioniert. Hat man erst einmal alle Feuer identifiziert, fühlt man sich völlig sicher und der Situation gewachsen.

Um 07:00 Uhr laufen wir in den alten Stadthafen von Alesund ein. Es ist ein wahnsinnig schöner Anblick: Die alten Häuserfronten im Jugendstil in aufgehendes Sonnenlicht getaucht.

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Einlaufen in Alesund

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Liegeplatz der Mary Lou in Alesund

Im Jahre 1904 wurde Alesund durch ein Feuer fast völlig zerstört, lese ich in einem Reiseführer. Kaiser Wilhelm II, ein Norwegenfan, soll damals viel Geld zur Verfügung gestellt haben, sodass die Stadt im Jugendstil wieder aufgebaut werden konnte. Schon auf unserem ersten Rundgang, gleich nach dem Festmachen, entdecke ich einige Denkmäler mit Inschriften, die aus Dankbarkeit an Wilhelm II erinnern sollen. Aber im Moment sind mir weniger diese geschichtlich interessanten Informationen, sondern ein heißer Kaffee und ein süßes Stückchen wichtiger. Dann noch eine große Tüte mit Brötchen für die Restcrew einkaufen. Und immer, so wie jetzt mit der Bäckersfrau, ein kleines freundliches Plauschchen über das „Woher“ und das „Wie“ und das „Wohin“. Die meisten Norweger strahlen diese Freundlichkeit aus. Mir fällt in Norwegen ebenso auf, dass es hier fast nur schlanke Menschen gibt und keine „Bierbauchmentalität“. Ob da ein Zusammenhang existiert?

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Alesund (im Vordergrund der Hafen)

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Ausblick von Alesund

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Über den Dächern von Alesund

Zurück an Bord hat die Crew schon den Frühstückstisch gedeckt und alle machen sich über die frischen Brötchen her. Der kleine schlanke Hafen füllt sich mehr und mehr, vermutlich weil ab Samstag ein mehrtägiges Stadtfest mit kulinarischen Köstlichkeiten, vor allem Fischspezialitäten wie Lachs, Walfischsteak, Heringe usw. beginnt. Zum Schluss liegen wir als erste Yacht in einem Sechserpäckchen, direkt neben uns eine riesige dunkelblaue Hightech-Rennziege mit passend „coolen“ Typen an Bord. Die machen den ganzen Tag und die halbe Nacht Partystimmung. Aufreizende Frauen, Alkohol ohne Ende und megalaute Musik über die Außenlautsprecher der Rennyacht. Zum Glück wirklich gute Musik nach meinem Geschmack, sodass ich es erträglich finde. Und die Leute sind zwar „obercool“, aber andererseits auch nette Segler. Schickeria live auf Norwegisch.

Sonntag, 27. August (strahlender Sonnenschein, sehr warm)

Nach einem Abschieds-Cappuccino auf der sonnigen Terrasse unserer Hafenbar waren wir am Samstag um 17:00 Uhr in Alesund ausgelaufen. Unser Ziel war ein ruhiger kleiner Hafen auf der Vogelinsel Runde gewesen. Heute wollen wir nun die Vogelinsel umrunden, von der unser Reiseführer seltene Vogelarten verspricht. Auch ohne Vögel ist die kleine Insel im Morgenlicht reizvoll anzuschauen. Es gibt lediglich eine ca. 4 km lange Straße, ein paar Häuser und sonst nur schönste Natur. Als wir die hohen Steilklippen im Nordosten umrunden, erreichen wir den sog. Vogelfelsen und dort sind sie dann wirklich: In riesigen Kolonien brüten die farbenprächtigen Papageientaucher, die tollpatschigen Tordalken, Trottellummen und die großen Basstölpel. Und natürlich Scharen von kreischenden Möwen. Insgesamt soll es unter den 600.000-700.000 Seevögeln über 200 verschiedene Arten hier geben. Gezählt habe ich sie allerdings nicht!

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Idyllischer Hafen auf der Insel Runde

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Vogelinsel Runde

Von dieser tollen Insel aus geht es anschließend bei schönstem Sonnenschein weiter mit Kurs in Richtung Bergen. Leider fast ohne Wind dümpeln wir zwei Stunden lang auf dem Wasser. Zum ersten und zum letzten Mal in diesem Urlaub kann man mit freiem Oberkörper an Deck sitzen. Das muss man doch genießen! Schließlich starten wir aber dennoch unsere „eiserne Fock“ und motoren mit einigen Meilen Abstand zum Land bzw. in Sicherheit von Untiefen, auf direktem Kurs auf den letzten Abschnitt unserer Reise zu. Hier weiter draußen steigen die Wellen allerdings zu einer beachtlichen Größe an. Bald werden wir eine Stelle erreichen, die in den Seekarten und Handbüchern als äußerst gefährlich ausgewiesen ist, weil sich dort unangenehme Seen aufbauen können. Aber was sollen wir mit dieser Information anfangen? Wir müssen irgendwann da durch. Der Wetterbericht spricht von 5-6 Beaufort Windstärke, also eher kein Sturm. Beim Anblick der gewaltigen Wellenberge verziehen sich bald wieder die Gesichter eines Teils unserer Crew. Es wollen bei ihnen einfach keine richtigen „Seebeine“ wachsen. Aber es wird auch wirklich unangenehm! Wegen unseres Kurses haben wir die Wellen schräg von vorn und es rumst manchmal recht heftig, wenn die Mary Lou aus drei Meter Höhe nach unten donnert. Ich liege gerade in der Koje und versuche noch Kräfte zu sammeln, da passiert es: Es knallt fürchterlich und ein Segel schlägt ohrenbetäubend. Die Genuaschot auf der Steuerbordseite ist gebrochen und das Vorsegel fliegt unkontrollierbar im Wind. Durch das Schlagen und die Belastung reißt jetzt auch noch das Unterliek ein. An Bord kommt Hektik auf. Ich springe in meine Hose und den Pullover, um Olaf beim Bergen des Segels zu helfen. Wir versuchen das wild schlagende Segel einzurollen, aber der Rollmechanismus versagt nun auch noch seinen Dienst. Jetzt wird es brenzlig! Wir müssen auf das Vorschiff, um die Sache zu klarieren. Inzwischen sind die Wellen so hoch und steil, dass regelmäßig die Gischt über das Deck fegt oder der Bugspriet in eine Welle eintaucht und dabei eine große Wassermenge hochschaufelt. Weil ich keine Zeit hatte, mir das passende Ölzeug anzuziehen, bin ich sofort klitschnass. Es ist schwierig, sich auf dem Vorschiff zu halten, aber wir sind ständig eingepiekt, sodass eigentlich niemand über Bord gehen kann. Endlich schaffen wir es, die Rollgenua einzurollen, unter lauten Flüchen über diese Technik. Wie angenehm wäre in dieser Situation ein einfaches Vorsegel mit Stagreitern!

Da der Wind nun doch noch weiter zunimmt, entschließen wir uns, das Kutterstagsegel durch eine Sturmfock zu ersetzen und das 2. Reff in das Großsegel einzubinden. Also noch einmal auf das Vorschiff bzw. an den Mast. Die Mary Lou donnert die ganze Zeit durch die Wellen und bahnt sich ihren Weg durch die Wassermassen. Sie wirkt sehr stabil unter diesen extremen Bedingungen und vermittelt auf diese Weise ein gutes Gefühl. Die größten Wellen haben sicherlich eine Höhe von bis zu 4 Metern und sind erschreckend steil. An der Oberkante der Wellenkämme beginnt Gischt abzuwehen. Das bedeutet Windstärke 8 Beaufort bzw. stürmischer Wind, aber noch kein richtiger Sturm. Schlimmer als der Wind sind die steilen Wellen, vor allem bei dem Kurs, den wir laufen wollen. Wir müssen Höhe machen, war bisher unsere Devise. Da aber dieses Gegenanknüppeln Schiff und Mannschaft unnötig belastet, entscheiden wir, unser Ziel vorerst aufzugeben, mit Wind und Welle abzulaufen und schließlich hinter den Schären Schutz zu suchen. Auf dem neuen Kurs wird dann die Sache gleich angenehmer. Es ist Inzwischen bereits dunkel, als wir die ersten Ansteuerungstonnen ausmachen und wir uns entschließen, Malöy anzulaufen. Das Fahrwasser hinter der ersten Insel ist im Vergleich angenehm ruhig. Da der weiße Sektor des Feuers recht schmal ist, fahren wir unter Motor und lassen nur die Sturmfock als Stützsegel stehen. Es herrscht reger Schiffsverkehr und zusammen mit den vielen Leuchtfeuern gibt es einige spannende Momente, bis man sich über die Verkehrssituation im Klaren ist. Um 23:00 Uhr machen wir in Malöy an einem kleinen Schwimmschlengel fest. Jetzt noch ein kurzer Entspannungsspaziergang und dann fallen wir müde in die Kojen.

Montag, 28. August (bewölkt, Regen, schlechte Sicht)

Wir motoren gerade bei diesigem Wetter durch die Schären. Draußen zieht die endlose Landschaft Norwegens vorüber und ich sitze im Salon und schreibe mein Reisetagebuch nach. Seit wir um 16:00 Uhr in Malöy abgelegt haben, liegt nun der Kurs in Richtung Florö an. Hier wollen wir für die Nacht festmachen. Ich navigiere bzw. steuere nach Leuchtfeuern. In der Dunkelheit ist es immer wieder schwierig und spannend zugleich, die richtigen Kennungen der Feuer und ihre Entfernungen auszumachen. Um 22:00 Uhr erreichen wir unseren heutigen Zielhafen und gehen gleich zum Duschen, da wir morgen bereits um 05:00 Uhr auslaufen wollen.

Dienstag, 29. August (heiter bis wolkig, trocken)

Wie geplant legen wir kurz nach 05:00 Uhr in Florö ab. Leider haben wir wieder mal zuwenig Wind zum Segeln und so motoren wir Stunde für Stunde durch die abwechslungsreiche Landschaft. Irgendwann würde unser Dieselvorrat knapp werden und wir entscheiden deshalb, den kleinen Hafen Kongrov anzulaufen. In der Seekarte ist dort eine Tankstelle eingezeichnet. Die Ansteuerung wird wieder einmal abenteuerlich! Überall liegen Untiefen und wir tasten uns Meter für Meter durch das Labyrinth aus mit Moos bewachsenen Felsen. Eine traumhaft schöne und bizarre Landschaft, allerdings zum Navigieren der reinste Horror. Ich stehe deshalb auf dem Bugspriet und spähe nach Untiefen im Wasser und Markierungen an Land. Dann entdecken wir einen kleinen Anleger, an dem wir festmachen können. Von hier aus gehe ich mit Olaf zu Fuß weiter. Wir laufen durch eine kleine Fischeranlage mit netten alten Häusern, stolpern über Netze und einiges Gerümpel. Dann das erste Haus, was bewohnt zu sein scheint. Wir klopfen an die Haustür und treffen auf einen älteren Mann, der sich gleich anbietet, uns mit der Mary Lou zur Tankstelle zu lotsen. Wir realisieren allmählich, dass wir uns völlig verfranzt haben. Nun tuckern wir im Schritttempo mit dem freundlichen Mann an Bord weiter durch das enge Labyrinth von Felsen und Untiefen und legen einige Zeit später an der erhofften Tankstelle an. Wir können Diesel und Wasser bunkern und ein paar Einkäufe für die Küche erledigen. Bevor wir an der Tankstelle wieder ablegen bedanken wir uns bei unserem freundlichen „Seenotretter“ mit einem guten Schluck aus unserer Bordtheke und machen noch einen Rundgang durch den Ort und die umliegenden Felsen. Ein wunderschöner kleiner Fleck in Norwegen, den wir nur zufällig entdeckt haben.

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Haus unseres „Lotsen“

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Tankstelle in Kongrov

Dann geht es noch einige Meilen weiter, bis wir den Fischerort Rongevoer erreichen. Auch hier wieder spannende Momente bei der Ansteuerung. Es erscheint fast unmöglich, sich zwischen den unzähligen Felsen und kleinen Inseln zurechtzufinden. Wieder langsames Vortasten mit größter Vorsicht, die Hand auf dem Steuerhebel, um jeder Zeit blitzschnell auf „voll zurück“ gehen zu können, falls das Schiff Grundberührung hat. Wir entdecken schon bald einen kleinen Steg und machen fest. Zu Fuß erkunden wir die kleine Insel weiter und suchen einen besseren Liegeplatz. Aber vergebens, der winzige Fischerort ist wie ausgestorben. Es scheint hier niemand zu wohnen. Aber die kleine Insel wirkt märchenhaft schön. Überall Moos und Heide und dazwischen die verwitterten Felsen. Nur die kleinen Gnome fehlen, um das Märchen zu vervollständigen. Wie es scheint, müssen wir also an unserem Steg bleiben. Ich blase das Dinghi auf und gehe mit unserem feuerroten Flitzer auf eine weitere Entdeckungstour. Ich sichte riesige Fischreiher, an die ich bis auf wenige Zentimeter vorsichtig heranfahren kann. In der Seekarte ist Rongevoer als Vogelinsel eingezeichnet. Ich düse mit dem kleinen Schlauchboot um die vielen Ecken der Inselwelt und durch kleine schmale Wasserstraßen. Überall große Vögel, von denen ich die meisten leider nicht kenne. Wir sind scheinbar in der völligen Einsamkeit gelandet. Wieder mal ein Volltreffer im positiven Sinn.

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Liegeplatz in der Nähe von Rongevoer

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Fischerort Rongevoer

Mittwoch, 30. August (leichte Bewölkung, Sonne)

Um 14:30 Uhr legen wir in Rongevoer ab. Wir haben schon seit der Nacht einen hübschen Nordwind mit ca. 4 Beaufort Windstärke. Das könnte schönes Segeln werden. – Es wird schönes Segeln! Wir machen beachtliche 6-8 Knoten Fahrt, obwohl wir zum Groß nur das Kutterstagsegel gesetzt haben. Ich stehe fast die ganze Zeit allein am Ruder, während die Wellen von hinten heranrollen und sich unter dem Schiff hindurch schieben. Dabei hebt jede Welle die 18 Tonnen Gewicht hinten mit scheinbarer Leichtigkeit hoch und schiebt den stählernen Koloss vor sich her. Ein solcher Kurs platt vorm Laken ist zwar schwierig zu steuern, weil das Schiff schnell aus dem Ruder laufen kann, aber ich entwickle schnell den passenden Ehrgeiz und die notwendige Lust zum Steuern. Es ist ein Segeltag wie im Bilderbuch und schon bald haben wir das Leuchtfeuer Skjeljanger auf Backbord quer ab. Noch um ein paar „Ecken“ und wir sind im Herdle-Fjord. Kurz vor Flöksand drehen wir bei und lassen uns treiben, um noch ein paar Fische zu angeln. Klaus und Hans sind wie immer erfolgreich und fangen u. a. feine Makrelen. Anschließend machen wir in Flöksand auf der Insel Holsnöy fest. In der Ferne kann man schon die Stadt Bergen erkennen und damit auch das Ende unserer Seereise erahnen. Am Abend grillen wir am Anleger die gefangene Beute. Wir haben soviel Fisch gefangen, dass wir auf Kartoffeln oder Brot als Beilagen verzichten. Alle essen sich noch einmal richtig satt an dieser leckeren frischen Delikatesse. Schon bald, wenn wir von Bergen aus wieder unser Zuhause erreicht haben werden, wird ein solch üppiges Fischgrillen nur mehr in der Erinnerung stattfinden können.

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Ansteuerung von Bergen

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Mary Lou in Bergen

Mit dem fernen Blick auf Bergen kommen die ersten Gedanken, die bereits wie Erinnerungen die zurückliegenden drei Wochen im Licht des Vergangenen erscheinen lassen. Hinter uns liegen viele Meilen vor der Norwegischen Küste, die man sicherlich zu Recht zu den schönsten und abwechslungsreichsten Segelrevieren der Welt zählt. Die unzähligen Fjorde, Berge und Inseln in dieser unbeschreiblichen Weite und Stille erscheinen einmalig zu sein. Aber nicht nur die reizvolle Landschaft und das anspruchsvolle Segeln haben diesen Norwegentörn für uns unvergessen gemacht. In den Häfen und Städten sind es die zahlreichen Begegnungen mit den herzlichen Menschen gewesen, die mit ihrem regen Interesse an den Seglern aus anderen Ländern, jeden Landgang zu einem Erlebnis haben werden lassen. Gerade auch diese Eindrücke sind es, die zusammen mit den vielen Fotos von den beeindruckenden Landschaften, den Schären und Inseln und den persönlichen Tagebuchnotizen tiefe bleibende Spuren im Gedächtnis des Autors hinterlassen werden.

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Blick aus dem Flugzeug

 

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