1. Etappe Schiffsüberführung

16. April 2016 at 19:47

Hooksiel – Portsmouth

Am 09. April starte ich mit der Schiffsüberführung der TAHOWA über ca. 3.600 sm und einem Zeitfenster von 8 Wochen. Eigentlich ging es schon viel früher los. Es begann mit dem Kauf der Reinke 13 M im Herbst 2015, die jetzt auf dem Namen TAHOWA getauft ist und unter deutscher Flagge mit Heimathafen Hamburg läuft.

Mit dem Kauf war auch die Entscheidung gefallen, dass eine Überführung nach Griechenland als erste große Tour ansteht. Damit verbunden werden schlagartig viele Träume vom Langfahrtsegeln wach und kommen zum Greifen nah. Aber wie so oft liegen Träume und Realität nicht automatisch nah beieinander.

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Der Schiffskauf und die Organisation des direkt anstehenden Winterlagers in Hooksiel sind aufwendig, erfordern viele Fahrten von Seligenstadt an die Nordsee und verursachen nicht vorhergesehene Kosten. Aber die Freude über das neue Langfahrtschiff überwiegt und die Erwartungen auf eine neue Dimension des Segelns, auf große Reisen unter Segeln und auf lange Zeiten auf See mobilisieren die notwendige Motivation die anstehenden Arbeiten in Angriff zu nehmen. (…)

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Im Frühjahr verzögert sich die konkrete Vorbereitung der TAHOWA aufgrund der Wetterlage und am Ende rennt die Zeit. Die Mängelliste am Schiff wird länger, hinzu kommt die konkrete Planung und Organisation der Überführung. Die Registrierung der Yacht im Seeschiffsregister Hamburg mit neuem Schiffsmessbrief und die Anmeldung der Funklizensen etc. laufen reibungslos, die Entscheidung für eine Schiffsversicherung hingegen wird schwierig. Einige Angebote scheiden aus, weil z. B. das Fahrtgebiet nicht für weltweite Fahrt zugelassen ist oder einhand segeln grundsätzlich unzulässig ist. Letztendlich wird die TAHOWA bei Preuss Yachtversicherung versichert, die ein vernünftiges und einigermaßen kostengünstiges Angebot unterbreitet hatten.

Ganz konkret wird es dann noch mal mit dem Einkauf der gesamten Verpflegung für 8 Wochen. Schließlich soll weitgehend nonstop durchgesegelt werden ohne viele Zwischenstopps. Erstens ist das Zeitfenster fix, aber die Überführung soll ja auch ein Test sein wie es sich anfühlt, lange Zeit auf See zu sein, die Bewältigung der Nachtpassagen unter Verwendung moderner Navigationshilfsmittel wie AIS, Radar usw. Somit wird es unterwegs eher wenige Gelegenheiten geben, um Proviant nachzukaufen. Der Lebensmitteleinkauf selbst ist gar nicht das Hauptproblem, sondern eher die Sortierung nach Haltbarkeit, Segelwochen, jeweilige Crewgröße und Staumöglichkeit an Bord.

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Nachdem sich einige Mitsegler für die einzelnen Etappen gefunden haben, rückt der 09. April näher. Zwei Wochen vor Törnstart geht es nach Hooksiel. Die TAHOWA kommt ins Wasser, wird getauft, gründlich geputzt und eingeräumt. Die neue Windfahnensteuerung (Windpilot Pazifik Plus) wird aus Hamburg bei Herrn Förthmann abgeholt und am Heck montiert. Die Segel waren im Winter bei einer Segelmacherei eingelagert und werden nun, geprüft und ausgebessert, neu angeschlagen. Für das Treckervorsegel werden sog. Bullenstander ins Cockpit verlegt, damit der Treckerbaum bei Segelmanövern auf dem Vordeck gesichert werden kann. Ein entscheidener Nachteil dieses Vorsegelsystems ist das unkontrollierte Überkommen oder Schlagen des Baums, gefährlich besonders, wenn sich ein Crewmitglied auf dem Vordeck aufhält. Auf der TAHOWA wird deshalb das Treckervorsegel grundsätzlich unter Bullenstander gefahren.

Pünktlich am 09. April früh am Morgen stehen dann Olaf und André auf dem Steg. Die letzten Arbeiten sind noch gar nicht fertig, als die großen Taschen und Seesäcke an Bord gestellt werden. Wenige Stunden später legen wir ab und das große Abenteuer beginnt. Durch die Schleuse von Hooksiel geht es raus auf die Nordsee. Segel setzen, Fallen, Leinen, Schoten und Klemmen bedienen, jeder diese Handgriffe ist neu, denn jedes Boot ist individuell und verhält sich anders. Jetzt heißt es also lossegeln, loslassen und ankommen an Bord. Noch sind tausend Gedanken in meinem Kopf. Ist alles an Bord, funktioniert alles, habe ich die richtigen Entscheidungen bei den Vorplanungen getroffen, wird das Wetter mitspielen und ist die Tour in acht Wochen überhaupt zu schaffen?

Ab jetzt beginnt für mich eine neue Zeitrechnung. Acht Wochen, d. h. fast 60 Tage, wo Kälte, Regen, Wind, Sturm und Wellen das tägliche Handeln bestimmen, wo aber auch Sonne, Mond und Sterne das Herz berühren. Verschiedene Meere, die mit ihren ganz eigenen Wellenbildern, Geräuschen und Gerüchen ihr Gesicht zeigen werden. Eine Zeit, wo die Kräfte der Natur und die Launen des Wetters das Vorankommen bestimmen werden und wo man auf tausenden von Seemeilen mit hunderten von Segelmanövern versucht, eins zu werden mit diesen Elementen. Und wenn dann dieses kraftvolle Äußere mit dem Geschehen an Bord und dem eigenem Inneren zusammenfällt, wenn alles im Einklang ist und das Boot z. B. in der Nacht in diesen gefühlt menschenleeren Raum und die scheinbar stille Unendlichkeit gleitet, dann fühlt man Geborgenheit, dann ist Feiertag der (Segler-)Seele, dann spätestens lohnt es sich auf See zu sein. Das ist es, warum ich immer wieder mit Leidenschaft auf dem Meer und in der Nacht segele.

Aber jetzt geht es erst einmal los bei Tageslicht und moderatem Wind, jedes Geräusch an Bord wird in den ersten Stunden nach dem Törnstart im Kopf analysiert und zugeordnet, jedes Knarren, Brummen und Klappern auf mögliche technische Defekte hin geprüft. Und dann sind da ja auch noch die neuen Crewmitglieder, die ersten Wacheinteilungen und die kleinen zwischenmenschlichen Momente. Ankommen an Bord irgendwie JA, aber Loslassen fühlt sich normalerweise anders an. Es ist eher wie ein Festsitzen mit den tausend Gedankenschnipseln und dem Versuch, alle Vorstellungen und Planungen gleich zu Beginn optimal unter einen Hut zu bringen.

Erstmal Festsitzen heißt es dann auch nach einigen Stunden auf der Sandbank vor der Hafeneinfahrt von Wangerooge. Wir wollen die erste Nacht noch nicht gleich durchsegeln, aber wir sind einen Tick zu spät und das Wasser ist schon weg. Mit einem seichten, aber doch deutlichen Rums sitzen wir mit unserem Twinkieler in Sichtweite zum Hafen fest. Jedes Ding hat ja bekanntlich zwei Seiten und so nutze ich die stabile Lage, um gleich mal die ersten Reparaturen in der Mastspitze zu erledigen. Das Ankerlicht funktioniert nicht und das grüne Steuerbordlicht der Dreifarbenlaterne scheint einen Wackelkontakt zu haben. Dreimal muss ich in den Mast, bis alles wieder funktioniert. Zum Glück ist die TAHOWA mit einer kompletten Werkstatt und sehr vielen Ersatzteilen ausgerüstet, so dass die ziemlich aufwendigen Instandsetzung gelingt.

Als wir uns nach Mitternacht mit dem nächsten Hochwasser in den Hafen verholen, finden wir leider keinen Platz an den Schwimmstegen, sondern müssen am Fähranleger festmachen. Das bedeutet für uns Leinenwache und alle 15 Minuten die Festmacherleinen und Fender kontrollieren. Segeln in Tidengewässern hat so seine ganz eigenen Seiten.

Am nächsten Tag geht es weiter mit einem Schlag nach Norderney. Wir wollen uns erst noch mit dem neuen Boot weiter vertraut machen und z. B. das Reffsystem optimieren, bevor dann die Nachtfahrten eine eingespielte Crew und eine möglichst funktionierende Segeltechnik und Navigationselektronik erfordern. Sicher eine vernünftige Entscheidung, aber mir wird bewusst, dass ich soviele „Puffertage“ nicht eingeplant habe und das macht mir Stress. Schon von Beginn an, bin ich nicht im Zeitplan oder war meine Planung schlecht?

Von Norderney geht jetzt zügiger voran, teilweise weil wir größere Abschnitte unter Motor fahren (müssen) und weil wir jetzt die ersten Nachtfahrten angehen. Nach einem weiteren Zwischenstopp in Den Helder gehen wir auf der Höhe von Dunkerque auf nördlichen Kurs und kreuzen mutig das Verkehrstrennungsgebiet in Richtung England. Und eine Portion Mut gehört schon dazu, sich als kleiner Winzling zwischen die ganz Großen zu begeben. Aber im Zeitalter von AIS (Automatik Information System) ist es relativ einfach und vor allem sicher, die Entfernungen, Geschwindigkeiten und genaue Kursrichtung der anderen Schiffe im Fahrwasser zu ermitteln und so die eigene Schiffsführung darauf auszurichten. Trotzdem bleibt es stundenlang spannend, bis wir die südenglische Küste erreicht haben.

Entlang der Küste Südenglands machen wir keinen Zwischenstopp, sondern segeln – teilweise auch mit Motorunterstützung direkt nach Portsmouth. Die bekannte Hafenstadt an der Südküste Englands liegt größtenteils auf der Insel Portsea Island an der Mündung des Solent in den Ärmelkanal. An der geschützten Westküste befindet sich der Hafen von Portsmouth, im Osten liegt Langstone Harbour. Südlich wird die Stadt durch den Solent von der Isle of Wight getrennt. Wir ergattern einen Liegeplatz direkt unter dem (zumindest für Regattasegler) berühmten Spinnaker Tower, der so oft in den Medien in Zusammenhang mit großen Regatten zu sehen ist. Dieses Wahrzeichen von Portsmouth (170 m) ist das höchste begehbare Bauwerk des Vereinigten Königreichs außerhalb Londons und verdankt seinen Namen seiner an einen Spinnaker angelehnten Form, die an die maritime Tradition von Portsmouth erinnern soll. In der Marina des Yachtclubs liegen zahlreiche Charter- und Fahrtenyachten und wir machen deshalb an der Außenseite des Hafenmauer längsseits fest, sind aber dort trotzdem gut geschützt.

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Die Umgebung bietet nur teilweise etwas Flair, aber zumindest gibt es sehr urige Kneipen, wo die Einheimischen ihr Bier zusammen mit kleinen Snacks genießen. Und schließlich haben wir die erste Etappe wirklich geschafft, haben den Englischen Kanal gekreuzt und ich bin zum ersten Mal in England, mit der neuen TAHOWA – ein schönes Gefühl.

Unser Crewmitglied André verlässt uns am nächsten Morgen, weil er sich nur für eine Woche eine Auszeit zum Segeln nehmen konnte. Gerade bei den Nachfahrten in den verkehrsreichen Regionen des englischen Kanals war die Mithilfe von André ganz besonders wichtig, der jederzeit zuverlässig und ausdauernd einen tollen Job als Wachführer auf der TAHOWA gemacht hat.

Ein großes Dankeschön an André!
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